Aufnahmearchitekturen für Lichtfelder
Alle Lichtfeldkameras beruhen auf denselben physikalischen Prinzipien (siehe Lichtfeld-Bildgebung), erfassen die räumliche und die Winkelinformation aber auf unterschiedliche Weise. Die beiden wichtigsten Ansätze sind mikrolinsenbasierte plenoptische Kameras und Kamera-Arrays (Mikrolinsenbasierte plenoptische Kamera (links): Die Strahlen eines Objektpunkts treffen hinter einer Mikrolinse auf verschiedene Pixel. Kamera-Array (rechts): Jede Kamera nimmt den Objektpunkt aus ihrem eigenen Blickpunkt auf; B ist die Basislinie zwischen zwei Kameras.). Beide tasten das vierdimensionale Lichtfeld ab; sie unterscheiden sich in ihrem optischen Aufbau, in der Geometrie ihrer Winkelabtastung und darin, wie sie die Auflösung ihrer Bildsensoren nutzen.
Mikrolinsenbasierte plenoptische Kameras
Eine mikrolinsenbasierte plenoptische Kamera besteht aus einer Hauptlinse, einem Mikrolinsen-Array und einem Bildsensor. Die Hauptlinse sammelt das Licht der Szene. Das Mikrolinsen-Array zwischen Hauptlinse und Sensor trennt das Licht nach Position und Richtung, sodass der Sensor ein strukturiertes Bild aufnimmt, das mehrere Winkelbeobachtungen der Szene enthält. Aus diesem Bild leiten Algorithmen Subapertur-Bilder ab, schätzen die Tiefe und berechnen Bilder mit unterschiedlicher Fokuseinstellung.
Plenoptik 1.0
In der klassischen plenoptischen Kamera, oft als Plenoptik 1.0 bezeichnet (siehe Ng et al., 2005), liegt das Mikrolinsen-Array nahe der Bildebene der Hauptlinse, und jede Mikrolinse bildet die Apertur der Hauptlinse auf dem Sensor ab. Die Pixel hinter einer Mikrolinse entsprechen deshalb verschiedenen Ausbreitungsrichtungen. Das liefert Winkelinformation auf Kosten der räumlichen Auflösung: Auf einem Sensor mit fester Pixelzahl bleiben bei mehr Winkelabtastwerten weniger unabhängige räumliche Abtastwerte.
Fokussierte plenoptische Kameras (Plenoptik 2.0)
In der fokussierten plenoptischen Kamera, auch Plenoptik 2.0 genannt (Lumsdaine und Georgiev, 2009), sind die Mikrolinsen nicht auf die Apertur der Hauptlinse fokussiert, sondern auf das Zwischenbild, das die Hauptlinse erzeugt. Dadurch verteilen sich räumliche und Winkelinformation anders, und es lässt sich eine vergleichsweise hohe effektive räumliche Auflösung erreichen, während die Winkelinformation für Tiefenrekonstruktion und digitale Refokussierung erhalten bleibt. Manche Bauformen kombinieren Mikrolinsen mit unterschiedlichen Brennweiten, um den nutzbaren Tiefenbereich zu erweitern.
Mikrolinsenbasierte Kameras werden in der Industrie dort eingesetzt, wo ein kompaktes System, kurze Arbeitsabstände und 3D-Information aus einer einzigen optischen Baugruppe und einer einzigen Belichtung wichtig sind, zum Beispiel bei der Prüfung im Nahbereich.
Kamera-Arrays
Ein Kamera-Array erfasst das Lichtfeld mit mehreren räumlich getrennten Kameras, jede mit eigener Optik und eigenem Bildsensor. Die Kameras betrachten die Szene von verschiedenen Positionen aus und tasten das Lichtfeld so über eine räumlich verteilte Menge von Blickpunkten ab. Die Winkelinformation entsteht durch die räumliche Trennung der Kameras, nicht durch ein Mikrolinsen-Array, und jede Kamera nimmt ein herkömmliches Bild mit der vollen Auflösung ihres Sensors auf.
Abtastung des Lichtfelds
Ein Array aus \(N\) Kameras nimmt die Bilder
auf, wobei \(I_i\) das Bild der Kamera \(i\) ist. Jede Kamera hat eine bekannte Position und Orientierung in einem gemeinsamen Koordinatensystem. Mit den intrinsischen und extrinsischen Kalibrierparametern lässt sich jedes Pixel einem Strahl im dreidimensionalen Raum zuordnen, und alle diese Strahlen zusammen bilden eine diskrete Abtastung des vierdimensionalen Lichtfelds. Für ein regelmäßiges, rektifiziertes Kamera-Array lässt sich das schreiben als:
Dabei ist \((u_i, v_i)\) der Blickpunkt der Kamera \(i\), und \((s, t)\) sind die Koordinaten in einer gemeinsamen Bildparametrisierung. Anzahl und Anordnung der Kameras bestimmen die Winkelabtastung; Bildsensoren und Optiken bestimmen die räumliche Abtastung.
Vorteile von Kamera-Arrays
- Unabhängige räumliche Abtastung
-
Jede Kamera nimmt ein Bild mit der vollen Auflösung ihres Sensors auf. Die Winkelinformation stammt aus zusätzlichen Blickpunkten, nicht aus der Aufteilung eines Sensors in räumliche und Winkelabtastwerte.
- Wählbare Basislinie
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Der Abstand zwischen den Blickpunkten ergibt sich aus der räumlichen Anordnung der Kameras und kann passend zum Arbeitsabstand und zu den Anforderungen an die Tiefenmessung gewählt werden.
- Mehrere Beobachtungsrichtungen
-
Eine Oberfläche, die für eine Kamera verdeckt ist, kann für eine andere sichtbar sein; das bietet zusätzliche Möglichkeiten, die Szenengeometrie zu beobachten und zu rekonstruieren.
- Konfigurierbare Optik
-
Objektive und Array-Geometrie lassen sich für unterschiedliche Messvolumina und Sichtfelder wählen.
Technische Herausforderungen
Kamera-Arrays bringen auch Herausforderungen mit sich:
-
Eine genaue 3D-Rekonstruktion erfordert die präzise Kenntnis der relativen Positionen und Orientierungen aller Kameras.
-
Die Kameras müssen synchron belichten, besonders bei bewegten Objekten. Der LumiScan X belichtet alle 13 Kameras gleichzeitig (siehe Bildaufnahme mit mehreren Kameras).
-
Die Algorithmen müssen korrespondierende Merkmale in Bildern finden, die sich durch Parallaxe, Verdeckungen und blickrichtungsabhängige Reflexionen deutlich unterscheiden können.
-
Mit der Zahl der Kameras wachsen in der Regel auch die Bilddatenmenge und der Rechenaufwand.
Der Entwurf eines Kamera-Arrays ist daher eine Abwägung zwischen geometrischer Genauigkeit, räumlicher Auflösung, Winkelabtastung, Rechenaufwand und Aufnahmegeschwindigkeit.
Vergleich der beiden Architekturen
Der wesentliche Unterschied zwischen mikrolinsenbasierten plenoptischen Kameras und Kamera-Arrays liegt im Maßstab und in der Geometrie ihrer Winkelabtastung (Mikrolinsenbasierte plenoptische Kamera und Kamera-Array im Vergleich).
| Merkmal | Mikrolinsenbasierte plenoptische Kamera | Kamera-Array |
|---|---|---|
Optischer Aufbau |
Hauptlinse und Mikrolinsen-Array |
Mehrere Kameras mit eigenen Objektiven |
Bildsensoren |
Typischerweise einer |
Mehrere |
Winkelabtastung |
Innerhalb eines optischen Systems |
Über räumlich getrennte Blickpunkte |
Basislinie |
Begrenzt durch den optischen Aufbau und die Eintrittspupille |
Bestimmt durch die Kamerapositionen |
Räumliche Auflösung |
Mit der Winkelabtastung auf einem Sensor geteilt |
Volle Auflösung jeder Kamera |
Kalibrierung |
Geometrie von Hauptlinse und Mikrolinsen |
Einzelne Kameras und ihre relativen Posen |
Synchronisation |
Durch die einzelne Belichtung gegeben |
Erfordert koordinierte Aufnahme |
Baugröße |
Potenziell sehr kompakt |
Abhängig von der Kameraanordnung |
Rekonstruktion |
Plenoptische Disparität und andere Lichtfeldverfahren |
Korrespondenz über mehrere Ansichten und Triangulation |
Keine der beiden Architekturen ist grundsätzlich überlegen. Mikrolinsenbasierte plenoptische Kameras bieten eine kompakte Optik, eine dichte Winkelabtastung innerhalb einer begrenzten Apertur und wirksame Lösungen für die Prüfung im Nahbereich. Kamera-Arrays bieten mehr Freiheit bei der Wahl der physischen Basislinie, der Kameraanordnung und der räumlichen Auflösung. Welche Architektur am besten geeignet ist, hängt von der Anwendung ab.
Zielkonflikte der Architekturen
Basislinie und Tiefenempfindlichkeit
Die Basislinie ist der effektive Abstand zwischen den Blickpunkten, die für die Triangulation verwendet werden. Für eine ideale rektifizierte Stereoanordnung mit \(Z = f B / d\) (siehe Parallaxe, Disparität und Tiefe) bewirkt eine Unsicherheit \(\sigma_d\) der geschätzten Disparität in erster Näherung eine Tiefenunsicherheit von:
Daraus folgen zwei Eigenschaften. Erstens wächst bei fester Basislinie, Brennweite und Disparitätsunsicherheit die Tiefenunsicherheit näherungsweise mit dem Quadrat des Abstands. Zweitens kann eine längere Basislinie die Tiefenunsicherheit verringern. Eine längere Basislinie vergrößert aber auch die Unterschiede zwischen den Blickpunkten; das erschwert die Korrespondenzschätzung und führt zu zusätzlichen Verdeckungen. Die beste Basislinie hängt daher vom Messvolumen, von der Objektgeometrie, von den Oberflächeneigenschaften und vom Rekonstruktionsverfahren ab.
| Dieser Zusammenhang ist kein vollständiges Genauigkeitsmodell. Die tatsächliche Messunsicherheit umfasst auch Kalibrier-, Optik-, Matching- und systematische Effekte. |
Räumliche und Winkelauflösung
Mikrolinsenbasierte plenoptische Kameras nehmen räumliche und Winkelinformation auf einem Sensor auf; ihre effektive räumliche Auflösung hängt deshalb davon ab, wie die Pixel auf diese Dimensionen verteilt werden. Kamera-Arrays nehmen die räumliche Information mit mehreren Sensoren auf. Das vermeidet den Zielkonflikt eines einzelnen Sensors, bringt aber zusätzliche Kameras, Datenübertragung und Rekonstruktionsaufwand mit sich.
Die Gesamtzahl der Sensorpixel eines Kamera-Arrays bestimmt nicht direkt die räumliche Auflösung seiner Tiefenkarte. Die effektive 3D-Auflösung hängt vom Rekonstruktionsverfahren, von der Szenentextur, von der Kamerageometrie und von der Sichtbarkeit korrespondierender Merkmale ab.
Verdeckungen
Eine Verdeckung liegt vor, wenn eine Oberfläche aus einem bestimmten Blickpunkt von einem anderen Objekt verdeckt wird. Da eine Lichtfeldkamera die Szene aus mehreren Richtungen betrachtet, kann sie Information gewinnen, die ein einzelner Blickpunkt nicht liefert. Wie gut sie Verdeckungen auflöst, hängt vom Winkelumfang und von der Verteilung der Blickpunkte ab: Ein größerer Winkelbereich zeigt mehr Oberflächen, kann aber das Zuordnen korrespondierender Merkmale erschweren.
Spiegelnde und texturarme Oberflächen
Eine Tiefenschätzung auf Grundlage von Bildkorrespondenzen wird schwierig, wenn Oberflächen keine markanten Bildmerkmale haben. Spiegelnde Oberflächen sehen zudem aus verschiedenen Blickpunkten unterschiedlich aus. Die zusätzlichen Beobachtungen eines Lichtfelds helfen den Rekonstruktionsalgorithmen, die geometrische Konsistenz über die Blickpunkte hinweg zu prüfen; die Winkelabtastung allein garantiert aber keine zuverlässige Rekonstruktion spiegelnder oder texturarmer Oberflächen. Ein auf eine texturlose Oberfläche projiziertes Muster gibt ihr eine künstliche Textur, in der sich Korrespondenzen finden lassen; der LumiScan X nutzt dafür den Musterprojektor LumiScan SL (siehe Passive 3D-Bildgebung und Beleuchtung). Das Ergebnis hängt von der Beleuchtung, der optischen Konfiguration, den Oberflächeneigenschaften und den Algorithmen ab.